Jörn Wendland/ Juni 3, 2016/ Geschichte, Stadtführung

„Klüngeln ist das Ausräumen von Schwierigkeiten im Vorfeld von Entscheidungen“ – Norbert Burger, langjähriger Kölner Oberbürgermeister

Mit diesem Bonmot, das dem ehemaligen Kölner Oberbürgermeister von Köln, Norbert Burger, zugeschrieben wird, startete am 1. Juni eine Klüngel-Führung mit Vertretern von Transparancy International. Alexandra Herzog vom Regionalbüro Rheinland hat Mitglieder von Transparency aus verschiedenen Städten eingeladen, damit sie sich alle zusammen den berühmt-berüchtigten Kölner Klüngel anzusehen konnten. So durfte ich die Gruppe an Orte direkt im Herzen Kölns führen, wo der Klüngel quasi in Stein gemeißelt ist. Trotz dunkler Wolken und gelegentlicher Regenschauer geriet die Tour zu einem sehr kurzweiligen und lehrreichen Rundgang, zumal die Teilnehmer als ausgewiesene Experten in Sachen Korruption die eine oder andere Hintergundinformation und Anekdote beisteuern konnten.


„Bitte betreten Sie nicht die Platzfläche“

Einen der Klüngel-Orte, die wir besucht haben, war der Heinrich-Böll-Platz am Museum Ludwig. Hier befindet sich direkt unter dem Platz die Kölner Philharmonie. So schön die Platzanlage mit den Treppenstufen hinab zum Rhein auch ist, der Teil über der Philharmonie muss bei Proben und Konzerten der Musiker wegen der fehlenden Trittschallisolierung bis zu 1.000 im Jahr gesperrt und bewacht werden. Und das kostet den Steuerzahler etwa 100.000 EUR im Jahr. Seit 16 Jahren schon. Und eine Lösung ist auch heute noch nicht in Sicht.

Im Jahr 2009 und wieder 2015 hat der Bund der Steuerzahler in seinem Schwarzbuch die „Bauposse ohne Ende“ in Köln angeprangert. Für das kostenintensive Bewachen hat er einen Gesamtschaden von 1,67 Mio. EUR errechnet. Zurecht fragt der Steuerzahlerbund: „Wäre es da nicht günstiger, den Schallschutz zu verbessern?“.

Doch der Kölner ist ja bekanntermaßen sehr kreativ im Finden von Ausreden, damit er den Status Quo beibehalten kann. Und so mussten mal die hohen Baukosten, mal das Urheberrecht des Künstlers herhalten, um den Schallschutz nicht bauen zu müssen. Auch könne die Dachkonstruktion der Philharmonie die zusätzliche Last nicht tragen. Und zu guter Letzt sei die Bewachung bei langfristiger Betrachtung einfach wirtschaftlicher.

Wie lautet noch der 1. Artikel des Kölner Grundgesetzes? „§ 1: Et es wie es es.“ Es wird nicht also nix ändern…


Pleiten, Pech und Pannen am Kölner Heumarkt

Eine echte kölsche Klüngel-Geschichte hat sich auch auf dem Heumarkt abgespielt:

Das Pflaster von Kölner Heumarkt

Das Pflaster vom Kölner Heumarkt. Blick nach Norden

Beteiligte waren die Stadt Köln, der Steuerzahler – und ein Gartenbaubetrieb. Geplant war die Neupflasterung des gesamten Platzes. Kein einfaches Unterfangen, doch der Gartenbaubetrieb machte das billigste Angebot – und erhielt den Auftrag. Warum? Vielleicht weil der Besitzer des Betriebes früher einmal ein Mitglied im Kölner Dreigestirn war. Aber das kann natürlich auch Zufall sein…

Pflaster auf dem Kölner Heumarkt in der Abendsonne

Das Pflaste vom Kölner Heumarkt. Blick nach Süden

Die Fertigstellung zog sich allerdings über Jahre hin: Mal waren die Fugen zwischen den Steinen zu breit, dann waren die Steine nicht frostfest und zudem von schlechter Qualität. Schließlich wurde die komplette Fläche mit neuen Steinen versehen – diesmal aus Indien. Was wiederum eine monatelange Verzögerung bedeutete, denn der Seeweg von Indien nach Köln ist lang.

Schließlich wurde 2004 nach fünf Jahren Bauzeit der Heumarkt endlich fertig gestellt und erstrahlt seitdem in neuer Pracht – auch wenn er vermutlich nicht (mehr) der zweitschönste Platz in Europa nach dem Markusplatz in Venedig ist, zu dem ihn der englische Reisende Thomas Coryat im Jahr 1608 (v)erklärte.


Auch Frauen netzwerken

Gegen Ende der Tour konnte ich von einem durchweg positiven Klüngel berichten, der allen Beteiligten nur Vorteile verschaffte – jedenfalls nach meiner Meinung.

So wurde 1986 auf Betreiben des Kölner Frauengeschichtsvereins die Straße „Seidmachergässchen“ in „Seidmacherinnengäßchen“ umbenannt. Im Mittelalter existierte hier eine bedeutende Frauenzunft zur Seidenherstellung, die es so nur in Köln gegeben hat. Mit der Umbenennung sollte die Geschichte von Frauen sichtbar gemacht werden, denn oft wird vergessen, dass auch Frauen erfolgreiche Unternehmerinnen waren und die Geschicke der Stadt Köln mitbestimmt haben. Also, Netzwerken und Klüngeln kann manchmal auch zu einem positiven Ergebnis führen.

Straßenschild "UNter Seidmachergässchen", Köln-Altstadt

Altes Straßenschild

Straßenschild "UNter Seidmacherinnengässchen" (neu)

Neues Straßenschild

 

 

 

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