Jörn Wendland/ Juli 10, 2016/ Kunst, Stadtführung, Street Art

Mit dem Fahrrad zur Streetart. Eine Bike Tour am 9. Juli 2016 im Rahmen des CityLeaks Festivals wurde für die Teilnehmer zu einen lehrreichen und spannenden Einblick in die Kölner Streetart-Szene. Allgemeines über die streetart könnt ihr in einem früher Beitrag lesen.

Häufig fährt man daran vorbei. Oder nimmt sie nur kurz wahr, ohne länger darüber nachzudenken. Gemeint sind die sogenannten Murals, großflächige Gemälde, die mittlerweile an zahlreichen Hauswänden zu sehen sind. Einen spannenden Einblick in diese spezielle Form der streetart bieten die Touren des CityLeaks Festival. Am 9. Juli war der Kölner Stadtteil Neu-Ehrenfeld dran. Auf dieser Tour begleitete uns Sascha vom Kunstzentrum artrmx e.V., das alle zwei Jahre das CityLeaks Festival ausrichtet. Dabei entstehen von namhaften streetartists wie auch Nachwuchskünstlern provokante, politische oder auch „nur“ poetisch-schöne Bilder im urbanen Raum. Einige davon konnten wir bei der Führung bestaunen.


Ein Schiff liegt vor Anker

Mural, MS Ehrenfeld, Iltisstraße, Köln Ehrenfeld

Blick auf die „MS Ehrenfeld“, Iltiusstraße in Köln-Ehrenfeld (Foto: Jörn Wendland)

Eine der ersten Stationen auf der Tour war die „MS Ehrenfeld“, ein Haus an der Iltisstraße, dass komplett mit maritimen Motiven bemalt wurde. Das ehemals schmucklose Gebäude hat das streetart-Duo goodlack art im Sommer 2008 für die Ehrenfelder Wohnungsgenossenschaft verschönert. Auf über 300 qm Fläche haben sich die beiden Künstler John Iven und Ron Voigt verewigt.

Mural, MS Ehrenfeld, Iltisstraße, Köln Ehrenfeld

Die „Oma“ auf der „MS Ehrenfeld“ (Foto: Jörn Wendland)

Seitdem ziert das gesamte Hause eine blau-gelbe Fassade, auf der neben allerlei Meeresgetier auch zahlreiche Figuren zu sehen sind, vom einfachen Passagier bis hin zum Kapitän. Dabei hat mir am besten die fröhliche Oma gefallen, die mit hoch erhobenen Armen uns von der Reling zuwinkte.  Die Künstler sind auch unter dem Namen Captain Borderline aktiv, dort allerdings weniger poetisch sondern sozialkritisch und politisch.


Pippi Langstrumopf und dynamische Tierkämpfe

Am belebten Parkgürtel unweit der Autobahnauffahrt zur A57 sind gleich mehrere Murals zu finden.  Eines davon stammt von der in Russland geborenen und seit 1999 in Köln lebenden Künstlerin Alexandra Kisselkova (Bild siehe oben). Es zeigt ein liegendes Mädchen mit geringelten Socken, übergroßen Schuhen und roten Haaren, eine moderne Pippi Langstrumpf vielleicht? Das Kind wirkt fröhlich, relaxt. Doch das Messer in ihrer Hand irritiert: Will es sich vielleicht damit aus der beengenden Wandfläche befreien?

Mural von Dzia, Parkgürtel

Mural des belgischen street artist Dzia am Parkgürtel (Foto: Jörn Wendland)

Ausgesprochen gut gefallen mir die Werke von Dzia, von denen wir eines am Parkgürtel bewundern konnten. Die geometrischen Linien geben seinen kämpfenden Steinböcken etwas ungemein dynamisches. Der Künstler stammt aus Belgien und hat dort schon zahlreiche Städte mit seinen wundervollen und unverwechselbaren Tierbildern verschönert. Eine große Auswahl findet sich auf den Seiten von globalstreetart.com.


Fehler im System

Mural von Klaus Klinger in der Liebigstraße

Mural von Klaus Klinger und den MaJo Brothers in der Liebigstraße (Foto: Jörn Wendland)

Ein politisches Wandbild haben die Düsseldorfer Klaus Klinger und die MaJo Brothers gemeinsam in der Liebigstraße gestaltet. Auf einem überdimensionalen Bildschirm ist ein Systemfehler aufgetreten, der im englischen auch als „bug“, also Käfer oder Wanze, bezeichnet wird. Folgerichtig krabbeln zahlreiche Insekten über das Bild. Als einziger Ausweg wird ein Neustart empfohlen.

Interessant bei diesem Bild ist, dass sich früher darunter ein anderes Mural befunden hat. Dieses wurde aber von den Anwohnern als zu provozierend empfunden und musste übergemalt werden. Das ursprüngliche Wandbild zeigte eine riesige Krake, die unter anderem aus dem Papst Geld herauspresste. Vielleicht zuviel für das katholische Köln!


Reise nach Jerusalem

Wandbild der Die polnischen Künstler Sepe und Chazme, Hansemannstraße, Köln

Das Bild der polnischen Künstler Sepe und Chazme in der Hansemannstraße (Foto: Jörn Wendland)

Schön anzusehen und gleichzeitig mit politischer Botschaft ist das Mural der polnischen Künstler Sepe und Chazme. Hier hetzen vier Figuren im Kreis um drei riesige Stühle herum wie im Spiel „Reise nach Jerusalem“. Die endlose Hast erscheint hier als Sinnbild des modernen Menschen auf seiner (oftmals vergeblichen) Jagd nach einem besseren Platz in der Gesellschaft. Starke Metapher!


Das Bild hinter dem Bild

QR-Code, Mural, Hansemannstraße

Die Kölner street artists Debug Visuals mit ihrem QR-Code-Bild in der Hansemannstraße (Foto: Jörn Wendland)

Zum Schluss der Führung ein Wandbild, dass mit den neuen digitalen Möglichkeiten spielt. Sebastian Karbowiak vom Kölner Duo Debug Visuals brachte zunächst sein Werk “Das kaputte Pferd” an die Wand. Danach übermalte sein Kollege Pierre Galic das Bild mit einem riesigen QR-Code. Wenn man nun den QR-Code mit dem Smartphone ausliest, kann  man das urspürngliche Gemälde betrachten. Ein – wie ich finde – genialer künstlerischer Kommentar zur Digitalisierung der Welt!


Insgesamt eine ungewöhnliche und tolle Tour durch die Neu-Ehrenfelder street art-Szene. Besten Dank nochmal an Sascha, der uns kenntnisnisreich und kurweilig führte. Chapeau!

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