Jörn Wendland/ August 28, 2016/ Ausstellung, Geschichte, Kunst

Eine spannende Ausstellung ging vor einiger Zeit im Kölner NS-Dokumentationszentrum zu Ende. Zu sehen waren die Zeichnungen und Karikaturen des französischen Künstlers Philibert Charrin (1920–2007). Das Vichy-Regime hat ihn 1943 zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verpflichtet. In der Nähe von Graz wurde er als Erdarbeiter eingesetzt oder, wie er es nannte, als „Terrassier“. In seinen Bildern nimmt er das Leben der Zwangsarbeiter aufs Korn.

Blick in die Ausstellung 'Der Skizzenblock eines französischen Zwangsarbeiters", 15. Juni bis 21. August 2016

Ausstellung im Kleinen Gewölbe im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf den Zeichnungen, die er als „Terrassier“ zwischen 1943 und 1945 in der Steiermark malte. In dieser Zeit entstanden etwa 100 Skizzen und Karikaturen, die ein einzigartiges Zeitzeugnis aus dem Lagerleben darstellen. Natürlich musste Charrin wegen der allgegenwärtigen NS-Zensur sich eines versteckten Humors bedienen, der mit subtilen Andeutungen spielte.

Leiser Humor

Zeichnung von Philibert Charrin, Ausstellung 'Der Skizzenblock eines französischen Zwangsarbeiters", 15. Juni bis 21. August 2016

„L’intellectuel a al Terrasse“, Zeichnung von Philibert Charrin

So zeigt ein Bild die allmähliche  Verwandlung eines schmächtigen Intellektuellen in einen tumben Erdarbeiter. Die „Denkerstirn“ bildet sich zurück, der Kopf wird kleiner, während der Körper ins Monströse wächst. Ein humorvolle und leise Andeutung auf die monotone und stupide körperliche Arbeit.

Zeichnung von Philibert Charrin, Ausstellung 'Der Skizzenblock eines französischen Zwangsarbeiters", 15. Juni bis 21. August 2016

„Les contes du Terrassier – sept d’un coup!“, Zeichnung von Philibert Charrin

Eine andere Zeichnung dokumentiert den Kampf der Arbeiter gegen die Ungeziefer in ihren Behausungen. „Sieben auf einen Streich!“, wie es in der Bildunterschrift heißt. Mehr Kritik an den harten Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter wagte Philibert Charrin hier nicht.

Erste Ausstellung nach 70 Jahren

Ein Teil der Ausstellung zeigt auch einige Arbeiten, die vor der Zwangsarbeit entstanden sind. Aufgrund der fehlenden Zensur konnte der junge Charrin noch wesentlich kritischer und politischer auftreten wie das Beispiel einer Hitlerkarikatur zeigt.

Zeichnung von Philibert Charrin, Ausstellung 'Der Skizzenblock eines französischen Zwangsarbeiters", 15. Juni bis 21. August 2016

„Hitler s’écrit avent une hache“, Zeichnung von Philibert Charrin
Der deutsche Buchtstabe „H“ wird im Französischen „Hache“ ausgesprochen. „Hache“ heißt ins Deusthd übersetze „Beil“.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden seine Zeichnungen ausgestelltund publiziert. Als Künstler erlangte er in den Folgejahren mit seinen Gemälden und Collagen großes Ansehen. Für seine Karikaturen als Zwangsarbeiter interessierte sich aber niemand mehr. Nach mehr als 70 Jahren, zeigt nun das NS-Dokumentationszentrum diesen Schatz – zum ersten Mal nach 1946.

Insgesamt eine schöne und aufschlussreiche Ausstellung eines begabten Karikaturisten über eine Zeit, über die man noch viel zu wenig weiß – gerade aus künstlerischer Perspektive.

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