Jörn Wendland/ Oktober 16, 2016/ Geschichte, Kölner Hinterhöfe, Stadtführung

Im Herbst eine Hinterhoftour durch Köln zu machen hat etwas Wunderbares: Man bekommt Einblicke in faszinierende Welten, das Vertraute der Vorderfront verwandelt sich auf der Rückseite oftmals in etwas Überraschendes und Sehgewohnheiten im Alltag werden aufgebrochen. Ein Buch des Kölner Fotografen Henry Maitek aus dem Jahr 1988 hat mich inspiriert einfach mal durch die Hinterhöfe meines Stadtteils zu spazieren. Dabei habe ich viele spannende Einblicke bekommen, die von der Straße aus so nicht zu erwarten waren.

Im Vorwort des Buches heißt es etwas schwülstig, aber dennoch treffend:

Ihm [dem Fotografen Henry Maitek] (…) werden die Hinterhöfe zu Lebensräumen voller Poesie, deren Atmosphäre zutiefst menschlich ist, obwohl auf keinem Bild ein Mensch zu sehen ist. Überall finden wir jene Requisiten urbaner Existenz, deren Aussagekraft gerade darin liegt, dass sie nicht dem Szenario einer Schaustellung dienen, sondern in iher Zufälligkeit etwas von der Wirklichkeit des Alltags spiegeln (…)

Paul von Naredi-Rainer

Und diese Wirklichkeit des Alltags ist es wert, einmal genauer unter die Lupe genommen zu werden. Viel Spaß dabei!


Eine Schokoladenfabrik im Hinterhof

Briefkopf Kwatta Schokoladenfabrik Köln-Ehrenfeld

Briefkopf der Kwatta-Schokoladenfabrik in Köln-Ehrenfeld (Bild: http://www.rheinische-industriekultur.de)

Ein interessanter Hinterhof offenbart sich in der Roßstraße in Köln-Ehrenfeld: Eine echte, ehemalige Schokoladenfabrik! Ursprünglich als Brauerei ab 1890 erricht, wurde sie wenige Jahre später von Kwatta, einer niederländisch-belgischen Schokoladenfirma, übernommen. Bis 1964 produzierte die Fabrik Schokolade, heute werden die Gebäude  als Ateliers und Wohnungen genutzt.


„Hier kommen die Tafeln raus…“

Die Kwatta-Schokoladen-Fabrik in der Roßstraße, Köln-Ehrenfeld

Die Kwatta-Schokoladen-Fabrik aus der Hinterhofperspektive (Foto: Jörn Wendland)

Vom Hinterhof aus gibt es einen fantastischen Blick auf das Fabrikgebäude. Rechts ziert ein riesiges Wandgemälde die alte Schokoladenfabrik. Auf meinen Touren durch Ehrenfeld biege ich auch in diesen Hinterhof ein. Und wenn Kinder anwesend sind, dann zeige ich ihnen den großen Schlitz in der Wand. „Hier kamen früher die Schokoladentafeln heraus, bevor sie auf LKWs in die Welt transportiert wurden“, sage ich dann immer. Und wer weiß, vielleicht stimmt es ja auch…


Kwatta-Manöver-Schokolade für Soldaten

Werbung für Kwatta-Schokolade, 1. Weltkrieg

„Kwatta’s Manöverschokolade. Der beste Friedensstifter“, belgische Werbung für Kwatta-Schokolade aus dem 1. Weltkrieg (Foto: Wikimedia Commons)

Eine interessante Anekdote führt uns in die Zeit des 1. Weltkriegs. Weil es schwierig war, eine ausreichend nahrhafte Verpflegung sicherzustellen, verteilten die Militärs aller Kriegsparteien unter anderen auch Schokolade an die Soldaten im Feld.  Der Vorteil war, dass sie klein und kompakt portioniert werden konnte und gleichzeitgig viel Energie lieferte. Auch Kwatta lieferte an die belgischen Soldaten die sogenannte Manöverschokolade, die, wie die Reklame verrät, die Gegner angeblich reihenweise zur Aufgabe zwang.


Hinterhöfe können echt inspirierend und total spannend sein. In der nächsten  Zeit werde ich weitere besuchen…

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