Thema: Häftlingszeichnungen

Das Thema

»Zur ergreifenden Abschiedsfeier der deutschen Lagerveteranen in Buchenwald 1945 saß ich eng gedrängt, Schulter an Schulter, mit Menschen, die dreimal mein Leben gerettet hatten. (…) Einem von ihnen habe ich ein Denkmal gesetzt. Der Kamerad, der mit unserem einzigen Maschinengewehr geschossen hatte. Ich habe ihn auf meiner postkartengroßen Szene der Befreiung 3 Zentimeter groß gezeichnet. Auf einer Kinoleinwand erscheint er 1,20 Meter groß. In Wirklichkeit war er wahrscheinlich 1,70 Meter groß. Für mich jedoch wird er immer unendlich groß bleiben.« Thomas Geve, März 2015

Thomas Geve »Wir sind frei«, Nr. 73, Bleistift, Farbstift und Wasserfarben auf Papier, 15 x 10 cm, Buchenwald 1945, Sammlung des Yad Vashem Art Museum, Jerusalem. (Der im Zitat erwähnte Mann mit dem Maschinengewehr ist oben links abgebildet)

Thomas Geve war 15 Jahre alt, als er im KZ Buchenwald befreit wurde. Sofort nach seiner Befreiung hielt er den Alltag, den er dort und in den KZ Auschwitz und Groß-Rosen erlebte, mit Buntstiften und Wasserfarben fest (siehe nebenstehende Szene der Befreiung). Auch andere Überlebende bildeten in Zeichnungen, Gemälden und Grafiken das Leben und Sterben in den nationalsozialistischen Zwangslagern ab. Viele dieser eindringlichen Kunstwerke zeigen überfüllte Baracken, Hunger, Zwangsarbeit, Krankheit und Tod, aber auch den Zusammenhalt der Häftlinge und die Befreiung.

Doch auch während der Lagerzeit versuchten einige Gefangenen, das gerade erlebte Grauen zu dokumentieren und stellten heimlich oder auch im offiziellen Auftrag zahlreiche Zeichnungen und Gemälde her. Angesichts der katastrophalen Lebensbedingungen erscheint Kunst im KZ kaum vorstellbar. Die größten Probleme bei der Produktion verbotener Bilder waren zunächst die schwierige Beschaffung von Zeichen- und Malutensilien, dann die zur Verfügung stehende Zeit und der Ort, an dem man ungestört arbeiten konnte, und schließlich die Suche nach einem geeigneten Versteck. Über allem stand die permanente Bedrohung durch den Terror der SS.

Warum manche Häftlinge trotz allem im KZ künstlerisch tätig waren, lässt sich heute nur schwer erklären. Eine mögliche Antwort gibt der Maler Franciszek Jazwiecki in seinem Lagertagebuch:

»Um eine Weile Glück zu erringen, vor allem, um zu vergessen, zeichnete ich mit Bleistift und zeichnete weiter in den Lagern Porträts, weil ich keine anderen Mittel hatte. Diese im Verborgenen gemachten Porträts ließen mich vergessen, führten mich in eine andere Welt, in meine Welt der Kunst. Dass Zeichnen mit dem Tode bestraft wurde, nahm ich einfach nicht zur Kenntnis, nicht weil ich mutig war, sondern weil ich die Gefahr nicht beachtete, so anziehend war es, zu schaffen in der eigenen Welt (…). Der Verlust meiner Arbeiten erfüllte mich jedes Mal mit tiefer Trauer und nur unter Anspornung der ganzen Willenskraft und Selbstüberwindung begann ich mit der Arbeit von vorn.«

Dieser Rückgriff auf die Welt der Kunst kann auch als eine Art des geistigen Widerstandes gesehen werden, der Versuch, ein Stück innere Freiheit angesichts eines barbarischen Umfeldes zu bewahren. Ein weiterer wichtiger Beweggrund war der Wunsch mit Hilfe der Kunst die Verbrechen der Nazis zu dokumentieren und ein Zeugnis für die Nachwelt zu schaffen.

Wie viele Kunstwerke in den verschiedenen Lagern der Nationalsozialisten geschaffen wurden, ist unbekannt. Nach Schätzungen sind bis zu 30.000 künstlerische Arbeiten in den KZs und Gettos entstanden. Viele Werke wurden zerstört, andere gingen auf der Flucht verloren oder wurden von der SS beschlagnahmt. Die größten Sammlung dieser sogenannten Holocaust-Kunst ist in Yad Vashem, Jerusalem, im United States Holocaust Museum, Washington D.C und im Museum Auschwitz, Oświęcim zu finden.

Einen Überblick über die Kunst aus den Lagern habe ich auf der Website lernen-aus-der-geschichte.de veröffentlicht. Zusätzliche Informationen lassen sich auch in dem Interview finden, dass ich mit dem Kölner Straßenmagazin „Draussenseiter“ geführt habe. Und wer sich für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Häftlingsbildserien interessiert, wird sicher bei meinen Publikationen fündig.

Das Buch

Das Lager von Bild zu Bild. Narrative Bildserien von Häftlingen aus NS-Zwangslagern, Wien, Köln, Weimar 2017

409 Seiten, 43 s/w- und 283 farbige Abbildungen, gebunden. ISBN: 978-3-412-50581-3.
Publiziert im Böhlau-Verlag.


Klappentext
Comics im KZ? Das erscheint kaum vorstellbar. Und doch gelang es einigen Gefangenen in den nationalsozialistischen Zwangslagern, sich künstlerisch zu betätigen. Eine Besonderheit bilden dabei die aus mehreren Darstellungen bestehenden Bildserien, die hier erstmals hinsichtlich Gebrauch, Ästhetik und Erzählstruktur untersucht werden. Der Autor fragt nach den Entstehungsbedingungen, ihrer Funktion als Zeugnis und soziales Medium, aber auch nach den Ausdrucksformen, der Verwendung von Humor und Satire sowie der autobiografischen Dimension. Biografien der Künstler/innen und zahlreiche Abbildungen ergänzen dieses Buch über eine ungewöhnliche Kunstform, die von Menschen in einer existentiellen Ausnahmesituation hergestellt wurde.

Dissertation

Zum Thema narrative Bildserien von KZ-Häftlingen habe ich 2013 bei Prof. Dr. Lioba Theis (Kunstgeschichte) und Prof. Dr. Frank Stern (Zeitgeschichte) der Universität Wien promoviert. Für die Arbeit erhielt ich die Note „Mit Auszeichnung bestanden“. Der Böhlau-Verlag hat die Arbeit im April 2017 veröffentlicht.

Preis

Preisverleihung Wien 2Meine Doktorarbeit wurde 2014 mit den Grete-Mostny-Dissertationspreis der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien ausgezeichnet. Eine Zusammenfassung der Dissertation sowie ein kurzer Lebenslauf wurden auf einer Steinguttafel eingebrannt und im Rahmen des Memory-of-Mankind Projektes im Salzbergwerk von Hallstatt eingelagert. Am 14. Mai 2014 fand im Lesesaal des Institutes für Geschichte die feierliche Übergabe der Preise statt.